Leseproben von Georg Schwikart
Inhalt dieser Seite
Dichter dran
(Steyler Verlag, Nettetal 2006)
- Intermezzo
- So einer
- Lektüre
- Liebeslied
- Nachgedanke
Bruder Tod
(Butzon & Bercker, Kevelaer 2005)
Kebab, Krach und Kommunion.
(Matthias-Grünewald-Verlag 2004)
Jeder muss mal dran glauben
(Gütersloher Verlagshaus 2004)
Horizont Wien
(Stürtz Verlag. Würzburg 2004)
33 Tipps für Autoren
(Gardez! Verlag)
- Ergreife die Welt
33 Tipps für Autoren
(Gardez! Verlag)
- Ergreife die Welt
Aus: Morgen Kinder wird’s was geben:
(Patmos Verlag. Düsseldorf 2002)
- Interview mit Herrn Nikolaus
Aus: Reise durch Schottland
Stürtz- Verlag Würzburg 2002
- Einleitung
Ein Platz für Eva
Zuerst erschienen in: Bonifatiuswerk/Diaspora-Kinderhilfe (Hg.)
Schwarzer Freitag
(Verlag Butzon & Bercker)
Ulrichs größter Tag
(Avlos Verlag - Köln)
- Ulrichs größter Tag
- Finger im Teig
- Der Tag, an dem Diana starb
Als die Kommunionkinder streikten
(Matthias-Grünewald-Verlag Mainz)
- Als die Kommunionkinder streikten
Niemand geht ohne Spuren - mit dem Tod Leben
(Herder/Spektrum Freiburg)
- Irgendwie war er immer da
Materialbuch Feste im Jahreskreis
(Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz)
- Widersprüchliche Weltzurück nach oben
Aus: Dichter dran – Praktische Poesie, Steyler Verlag, Nettetal 2006
Intermezzo
Die Geburtsanzeige kündet stolz:
Das Kind ist auf der Welt.
Irgendwann wird ein Brief mitteilen:
Dieser Mensch ist tot.
Dazwischen das, was man Leben nennt:
Jahre der Sehnsucht
nach Momenten des Glücks.
Windhauch, hat das mal einer genannt.
Freudentränen, Trauertränen:
Das Weltall bleibt gelassen.
Ich aber bin auch Passagier
und heule mit.
So einer
So einer,
der einmal die Welt verändern wollte
und sich heute
in die Dichtung vertieft,
den das Unrecht auf der Erde
nicht schlafen ließ,
und der heute
bei den Nachrichten wegschlummert,
der früher lautstark protestierte
und heute
vornehm schweigt,
so einer sieht mich an,
wenn ich in den Spiegel blicke.
Lektüre
Die Nacht, schön lau und lila, blüht.
Ich geh in meinem Buch spazieren.
Mein Bett: ein herrlich warmes Grab.
Schöne Träume provozieren
das dumpfe Leben, das ich hab.
Das Buch in meinen Händen glüht.
Liebeslied
Du klopftest an, ich hörte nicht das Pochen.
Ich schenkte dir ein Kleid, es war zu knapp.
Die rosarote Brille war zerbrochen.
Wir stürzten aus dem siebten Himmel ab.
Kein zärtliches Geflüster. Nur noch Schweigen.
Einander fremd. Wie kalt war manches Jahr.
Nach außen wollten wir es keinem zeigen:
Wir standen vor den Trümmern – einst ein Paar.
Wir trennten uns. Der Druck wuchs immer schneller.
Im Streit ging es um Kinder, Auto, Haus.
Es flogen Fetzen, böse Worte, Teller.
Wir klagten ratlos, bitter: Es ist Aus!
Das Gegenteil von Lieben heißt nicht Hassen.
Da fühlt man was, das lässt einen nicht kalt.
Ich nahm mir so oft vor, dich zu verlassen.
Ich kam zurück und werde mit dir alt.
Noch immer lernen wir einander kennen.
Die Reise geht durch diese Welt zu dir.
Für immer will ich deinen Namen nennen
und spüren: Du bist doch ein Teil von mir.
Nachgedanke
Wenn man ernsthaft darüber nachdenkt,
muss man heulen,
sagt die Freundin.
Ich entgegne:
Ist das ein Grund,
nicht darüber nachzudenken?zurück nach oben
Aus: Bruder Tod
Versöhnung mit der Sterblichkeit
Die natürlichste Sache der Welt
Eine Fliege stößt mit Gebrumm an die Fensterscheibe, als wäre sie betrunken. Sie fällt auf die Fensterbank und bleibt auf dem Rücken liegen, die Beinchen zappelnd hochgestreckt. Die Flügel zucken, bssst, bssst, dann eine Pause, wieder bssst, bssst.
Sie stirbt, denke ich und betrachte mit eigentümlicher Faszination diesen Vorgang. Ein paarmal noch zuckt Leben durch das Insekt; das Tierchen schafft es nicht mehr, auf die Füße zu kommen. Ein letztes „Bssst“, dann nichts mehr.
Sie ist tot. Ich stelle das vom Schreibtisch aufblickend einfach fest, ohne Emotion: die Fliege bedeutete mir nichts, eher störte mich ihr Surren. Und doch spüre ich in diesem Augenblick, dass mir der Tod der Fliege eine Botschaft transportiert: Alles, was lebt, wird einmal sterben. Auch ich.
Das weiß buchstäblich jedes Kind, etwa ab dem 6. Lebensjahr, wie uns Entwicklungspsychologen erklären. Doch während wir in der Erziehung lernen, mit den anderen Selbstverständlichkeiten unseres Lebens umzugehen – von der Verdauung über die Sexualität bis zur Erkenntnis, dass, wer essen will, auch arbeiten muss –, so bleibt diese Natürlichkeit des Todes eigenartig ausgespart.
Nun ist der Tod auch von ganz eigener Art: wir wissen kaum mehr von ihm, als dass er unausweichlich ist. Wann und wie wir auf ihn treffen, bleibt in der Regel ungewiss, noch mehr, was jenseits der Schwelle kommt, wenn denn dort etwas kommt. Wir wissen es nicht. Und dieses Nicht-Wissen ist schwer zu ertragen, setzen wir doch in unserem Alltag sonst so sehr auf Gewissheit.
Tod ist der Inbegriff des Absoluten. Das Absolute ist jedoch kaum auszuhalten, deswegen relativieren wir es. So dient „Tod“ zum Ausdruck von Extremen: Dem Todfeind wünscht man ein baldiges Ende. Wer todesmutig ist, leistet Bewundernswertes, sonst wäre er nur leichtsinnig. Ist eine Sache sehr ernst, nennen wir sie todernst. Andererseits kann man sich auch totlachen, es sei denn, es geht todlangweilig zu. Die stärkste Steigerung von still ist totenstill, von traurig todtraurig, von unglücklich todunglücklich. Seltsam, das harte Wort „Tod“ scheint all diesen Wörtern eher Milde zu verleihen. Wir hören einen deutlichen Unterschied zwischen todmüde und lebensmüde. Beim letzteren ist Obacht angesagt.
Wer totgeschwiegen wird, ist mächtig anwesend in seiner Abwesenheit. Der Totgesagte lebt bekannt bekanntlich länger. Wenn jemand oder etwas nicht totzukriegen ist, nötigt das eine gewisse Anerkennung ab und hat mit töten nichts zu tun. Am treffendsten bringt es das Kompositum „todsicher“ auf den Punkt: Der Tod ist eine der wenigen Sicherheiten, über die wir verfügen. Dabei verfügen wir ja gar nicht über ihn.
Diese Zeilen schreibe ich im Alter von 40 Jahren. Damit habe ich zur Zeit etwa die Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Mannes in Mitteleuropa erreicht. Noch vier Jahrzehnte Leben in Zeit und Raum – heute würde ich sagen, das genügt. Diese Zeilen schreibe ich als glücklicher Mensch, allen Widrigkeiten zum Trotz, die das Dasein mit sich bringt. Ich fürchte mich nicht davor, eines Tages meine letzte Reise anzutreten.
Ein schönes Bild für den Tod ist das, denn gerade die verschiedenen Stadien einer Reise können uns bewusst machen, dass unser ganzes Leben mit all seiner Mühe und Arbeit ein einziges Unterwegssein ist. Nur ab und zu ist uns kurze Rast gegönnt, dann ziehen wir weiter. Aber am Ende lockt ein Ziel, herrlicher als alle Katalogparadiese.
Für diese Reise dann, bei der wir die letzte Grenze überschreiten werden, brauchen wir keinen Pass verlängern zu lassen, nicht einmal einen Koffer zu packen. Auch ein Ticket zu lösen, ist nicht nötig; eine Rückfahrkarte gar nicht vorgesehen. Es kann natürlich sein, dass wir die Reise spontan antreten müssen, wie ein Last-Minute-Angebot. Sorgen wir uns dann nicht um die Dinge, die wir eigentlich noch erledigen wollten. Schließlich werden wir erwartet.
So versöhnt kann ich das allerdings nicht immer betrachten. Der Tod ist nun mal kein sentimentaler Spielfilm, der zu Herzen geht. Er ist oft genug unberechenbar und grausam, mal überraschend, mal erwartet, vielleicht manchmal gnädig.
Gibt es überhaupt „den“ Tod? Wir beurteilen doch recht unterschiedlich, ob jemand als Säugling, als Kleinkind, als Jugendlicher, als Erwachsener, Senior oder Greis dahingeht. Auch wenn das Ergebnis – nämlich der Tod an sich – immer das gleiche ist, so empfinden wir es doch nicht als das gleiche, ob jemand an Lungenkrebs (Nichtraucher oder Kettenraucher?), durch einen Verkehrsunfall (unverschuldet oder selbst verschuldet durch zu schnelles Fahren?) oder im Krieg (Zivilist oder Soldat?) ums Leben kommt. Opfer eines Verbrechens zu werden ist etwas anderes, als in einem Haus zu verbrennen. Durch ein Erdbeben zu sterben, unterscheidet sich vom Tod durch Verhungern. Und schließlich legen Menschen Hand an sich selbst; ihre Motive variieren stark, das eine scheint absurd, das andere möglicherweise nachvollziehbar.
Der Suizid bildet die größte Freiheit des Menschen. An den Freitod zu denken, das entlastet mich kurz: Für ein paar Augenblicke stelle ich mir vor, Herr über mein Leben und meinen Tod zu sein. Wenn auch nur einmal. Das ist die Crux: dieses Privilegs würde ich im Vollzug der Tat verlustig gehen.
Der Suizid bildet die größte Freiheit des Menschen. Theoretisch. Praktisch muss man fragen, ob diejenigen, die sich selbst das Leben nehmen, wirklich frei sind. Manche Selbsttötung lässt sich nur als Akt der Resignation, der Abrechnung, des Wahns begreifen.
Bestrafen wollte ein Ehegatte aus Marburg seine Frau. Er starb zwar eines natürlichen Todes, doch was er seiner Frau als letztes sagte, ist alles andere als natürlich: „Ich habe dich nie geliebt.“
Ob man überlieferten „letzten Worten“ trauen darf? Die Versuchung scheint groß, zumindest besonderen Persönlichkeiten auch besondere Worte in den Mund zu legen. „Mehr Licht!“, soll Goethe gesagt haben, doch es heißt, eigentlich habe er um den Nachttopf gebeten – beides wäre auf seine Art stark: Entweder das Ideal der Aufklärung bis zuletzt, oder am Ende die reine Bedürftigkeit.
Die von ihrem Gemahl, König Heinrich VIII. von England, zum Tode verurteilte Anne Boleyn sprach angeblich zum Henker: „Sie werden wenig Mühe haben, mein Hals ist sehr dünn.“ Und der Schauspieler Humphrey Bogart fasste das Resümee seines Lebens folgendermaßen zusammen: „Ich hätte nicht vom Scotch zu den Martinis wechseln sollen.“ Der britische Premierminister Winston Churchill seufzte zuletzt: „Alles ist so langweilig.“
O wie armselig. Dagegen spricht doch Würde aus der Antwort Kaiserin Maria Theresias, ob Majestät bequem liege: „Zum Sterben gut genug.“ Der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, schloss die Augen mit der geradezu christlichen Botschaft: „Kein Grund zum Weinen.“ Trotz allem ein Glaubenszeugnis legte der Spötter Heinrich Heine ab, dem man am Ende noch zur Reue aufrief. Sein Vertrauen fasste er in den schönen Satz: „Gott wird mir verzeihen, es ist ja sein Beruf.“
Und was werde ich einmal von mir geben? Prosaische Dinge wie: „Einen Schluck Wasser, bitte“, oder „Ich halte die Schmerzen nicht mehr aus“? Werde ich meine Frau erinnern, den Anzug aus der Reinigung abzuholen, oder den Kindern ans Herz legen, nicht alle meine Bücher in den Altpapiercontainer zu werfen? Vielleicht fällt mir nur ein: „Genug!“ Wenn ich es mir wünschen dürfte, würde ich wohl mit einem Vers der chilenischen Sängerin Violeta Parra von dieser Welt gehen: „Gracias a la vida – Danke an das Leben!“
Welch bitterer Trost, dass die Wahrscheinlichkeit, eines „unnatürlichen“ Todes zu sterben, in unseren Breiten heute gering ist. Mathematiker behaupten gar, eher schaffe man sechs Richtige im Lotto, als dass man vom Blitz erschlagen werde. So ist die Furcht vor Mord, Naturkatastrophen oder einem Flugzeugabsturz inzwischen der Angst vor einem Dahinsiechen im hohen Alter gewichen.
Manchmal stelle ich mir vor, wie meine letzte Stunde aussehen wird. Es stellen sich Bilder im Stile der Biedermeiermalerei ein: die Familie harrt an meinem Bette aus, einer weint, einer betet, das Zimmer halbdunkel im Kerzenlicht, mit gebrochener Stimme sage ich kluge Dinge. Alle hängen mir an den Lippen, bis meine Augen zufallen.
Sage keiner, das gibt es nicht mehr. Bedenke jedoch jeder, so etwas ist höchst selten geworden. Noch stirbt man im Krankenhaus, Altenheim oder Hospiz, also in fachkundiger Umgebung. Sozialwissenschaftler prognostizieren, dass die steigenden Gesundheits- und Pflegekosten den Trend zum Tod daheim wieder umkehren könnten. Doch könnten wir damit umgehen?
Prinzipiell sollte es mir gleichgültig sein, ob ich im Bett oder auf der Straße sterbe. Heute wünsche ich mir, den Augenblick des Sterbens erleben zu können, das heißt: ihn bewusst wahrzunehmen. Ich will spüren: jetzt ist er da, der geheimnisvolle Augenblick des Todes. Jetzt beginnt die Reise in das unbekannte Land, aus dem noch nie jemand wiedergekommen ist um zu berichten, was uns dort erwartet. Heute wünsche ich mir das. Was ich will, wenn es wirklich soweit ist, wird sich zeigen.
Sterben ist ein einzigartiges Erlebnis – wir tun es nur einmal. Wir mögen uns darauf vorbereiten und sind dann doch unvorbereitet, wenn jene Grenze erreicht ist, die wir überschreiten müssen. Bleibt nur, zu akzeptieren, wie die Umstände eben sind. Ist der Sterbende nicht, obwohl im Mittelpunkt des Geschehens, zur Passivität verurteilt? Oder bleibt ihm noch aktives Gestalten dieser letzten, genau genommen intimen Lage?
Oft habe ich gehört, wie Angehörige Stunde, Tage, ja Wochen bei einem Todkranken Wache hielten. Und dann, wenn sie für einen Augenblick vor die Tür gegangen waren, um einen Kaffee zu trinken, eine Zigarette zu rauchen oder zu duschen – genau in dieser kleinen Spanne Zeit hatte sich der Sterbende auf und davon gemacht. Zufall? Die Sorge, die Angehörigen mit dem Miterleben des eigenen Todes zu belasten? Oder hatte der Sterbende auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um unbeobachtet zu verscheiden? Hatte er mit einem letzten Quäntchen Freiheit entschieden, wann es soweit sein sollte?
Auch das Gegenteil gibt es: Sterbende sind medizinisch längst aufgegeben, schleppen sich jedoch durch Tage und Stunden, bis ein Datum erreicht ist (der Hochzeitstag), das Enkelchen geboren ist (Wechsel: einer kommt, einer geht), oder die Tochter aus München eintrifft, um einen letzten Kuss geben zu können.
Wer kann wissen, zu welchem Typ man gehört. Sterben kann man nicht üben. Ich neige zum Solosterben. Man verzeihe den derben Vergleich: Mir fällt es schon schwer, Wasser zu lassen, wenn jemand anders vor der Tür drängelt. Wie soll ich mein Leben lassen können, wenn im halbdunklen Zimmer meine Familie an meinem Bett ausharrt, einer weint und einer betet? – Ich muss lernen, mit meinen Widersprüchen zu leben (und wohl auch zu sterben).
Hätte ich noch einen Tag zu leben, was würde ich tun? Früher, als Jugendliche, haben wir uns das gegenseitig gefragt. Es glich einer Prüfung, was wirklich wichtig und entscheidend wäre. Wir wollten lieben, verzeihen, feiern. Eine jedoch meinte, sie müsse aufräumen, damit man sie nicht als unordentlich in Erinnerung behalten würde.
Hätte ich noch einen Tag zu leben – erst morgen um die gleiche Zeit weiß ich ja, ob das eine theoretische Überlegung war. Die Uhr tickt, die Stunden verrinnen, die vielleicht meine letzten sein werden. Abnehmende Lebenszeit. Als jungem Menschen schien sie mir noch kostbarer als jetzt, wo ich davon weniger besitze als damals.
Nun nutze ich meine Lebenszeit unter anderem dafür, über den Tod nachzudenken. Doch was bewirkt die Erkenntnis meiner Sterblichkeit? Mitunter wird mir alles zuviel, Sorgen lasten auf mir, Arbeit drückt mich nieder, ich fühle mich schwach und leer und müde. Und die Vorstellung, noch vierzig Jahre leben zu müssen, erschreckt mich. Fällt aber der Schatten des Todes durch den Tod eines lieben Menschen auf mich, verachte ich seine Macht und flüchte panisch zurück ins pralle Leben.
Komm! Komm!
Komm mir nicht zu nah.
Lass mich! Lass mich!
Lass mich nicht allein.
Deine Nähe engt mich ein.
Deine Ferne tut mir weh.
Kommst du, sag ich: Geh!
So schaukelnd ist mein Verhältnis zum Tod, wie ein Liebesverhältnis. Es gibt ein Suchen und Finden, Gewöhnen und Wiederverlieren, ein Verstehen und Entzweien, und am Ende die Erkenntnis, dass man zueinander gehört. Unser Leben wäre die Aufgabe, das zu lernen.
In einem einzigartigen Vergleich drückt das Franz von Assisi aus, der Heilige aus Umbrien. Er nannte den Tod seinen Bruder. In seinem Hymnus auf die Schöpfung preist er enthusiastisch, was Gott an Wunderbarem geschaffen hat: Sonne und Mond, Wind und Wasser, Feuer und Erde. In allem sieht er, den Indianern gleich, seine Geschwister. Und in diese Reihe stellt er auch den Tod.
Ich darf mich glücklich preisen, drei Brüder aus Fleisch und Blut zu haben (und ebenso drei Schwestern). Uns schenkten die gleichen Eltern das Leben, wir wuchsen im gleichen Haus auf und doch sind wir alle so unterschiedlich, dass wir uns kaum kennen gelernt hätten, bildeten wir keine Familie. Jeder lebt sein eigenes Leben, interessiert sich für andere Dinge, hat seine Sicht der Welt. Es gilt, die nötige Nähe und Distanz auszutarieren, wie in allen Beziehungen. Doch unser Umgang ist von Offenheit geprägt, auch wenn uns eine gewisse Fremdheit trennt. Wir müssen nicht alles wechselseitig gutheißen oder auch nur verstehen. Solange aber Vertrauen die Basis unseres Miteinanders bildet, unterstellen wir dem anderen nichts Böses.
Bruder Tod will mir nichts Böses. Wieviel Nähe kann ich ertragen, wieviel Distanz brauche ich zu ihm, um gelassen meiner Wege gehen zu können? Noch halte ich die Tür verschlossen, ignoriere, dass ich ihn am Fenster vorbeigehen sehen habe. Mein Unterbewusstsein jedoch speichert es.
Die Urgroßmutter wollte nicht mehr leben. Sie schien des Daseins überdrüssig; mit über neunzig Jahren hatte sie so viel erlebt und hoffte auf nichts Neues mehr. Doch Fernsehen zu gucken, reichte ihr als Lebenssinn nicht aus. „Ich will sterben“, klagte sie mir und bat: „Bete für mich, dass ich sterben kann!“ Dann stellte ich ihr das Essen auf den Tisch, und noch ehe ich den Teller zurecht gerückt hatte, piekste sie mit der Gabel ins kleingeschnittene Schnitzel und aß. Aus diesem Kauen sprach Lebenswille.
Leben zu wollen ist der entscheidende Trieb im Menschen, in allem, was lebt. Und was tun wir nicht alles dafür: wir halten Diät, treiben Sport und suchen die Wunderpille, um unser Leben verlängern zu können. In Gefahr wird einer vielleicht seinen Freund verraten, um sein eigenes Leben retten zu können. Urteilen wir nicht vorschnell; was ich zu tun bereit wäre, mag ich mir nicht ausmalen.
Wir kämpfen um das Leben, und was machen wir dann damit? Mancher Tag plätschert dahin, wir nerven einander mit Streit, vergeuden die Tage an schlechte Unterhaltung und nutzen das Dasein, um frustriert zu fragen, wofür wir eigentlich auf der Welt sind. Der Buddhismus nennt das den Lebensdurst: Den unbedingten Willen zum Sein, das uns letztlich immer Leiden bereitet, weil wir unsere überhöhten Ziele nicht erreichen.
Eine kleine Spielzeugsammlung der anderen Art habe ich mir in den letzten Jahren zugelegt: Spielzeug, das mit dem Tod zu tun hat. Schon als Kind wünschte ich mir einen Leichenwagen als Matchboxauto. Frau Schmitz vom Laden schüttelte empört den Kopf, als ich danach fragte.
Ich spielte damals gern Verkehrsunfälle nach: Krankenauto, Feuerwehr und Polizei erschienen mit Blaulicht und Tatütata. Doch erst der anrollende Leichenwagen perfektionierte die Dramatik. So etwas fand man in den siebziger Jahren nicht im Programm der Spielzeugindustrie; ich musste einen Krankenwagen schwarz lackieren. Heute habe ich eine hübsche Blechkarosse mit einem Särglein hinter den Scheiben im Regal stehen.
Skelette und Mumien bieten sogar Lego und Playmobil an; für die Landschaft der Märklineisenbahn wird ein kompletter Friedhof zum Zusammenbau angeboten, inklusive Kapelle und Grabreihen. Der Sarg in der Größe einer Halbliterflasche ist eine Handarbeit aus Wien; zum Spielen ist das teure Stück zu schade, ich bewahre Zigarren darin auf.
Der verspielte Umgang mit dem ernsten Thema will sich lustig machen über den Tod. Auch wenn er nicht lustig ist. Überlegene Gegner kann man nur durch Missachtung strafen.
Wie banal das letztlich ist: Wir essen und verdauen. Wir lernen und vergessen. Wir schlafen, leben einen Tag und ermüden wieder. Wir leben und sterben. Die natürlichste Sache der Welt. Na und? Was lohnt es, darüber nachzudenken?
Ich kann eben nicht anders. Ich denke jeden Tag an den Tod. Beim Lesen. Während ich ein Glas Wein trinke. Auf dem Klo. In der Kirche. Unter der Dusche. Beim Einkaufen. In der Pommesbude. Eigentlich bei allen Gelegenheiten – außer beim Sex. Der Liebesakt ist so sehr auf Wohlbefinden ausgerichtet, dass für einen Gedanken an das Ende kein Platz ist. Alle Lust will Ewigkeit.
Ewigkeit aber ist auf Erden nicht zu haben. Deswegen ist das Nachsinnen über den Tod eine Auseinandersetzung mit dem Leben.
Alles wird gut
Die Weisen beklagen weder die Lebenden noch die Toten. – So heißt es in der Bhagavad-Gita, einem heiligen Buch der Hindus. Was bedeutet das? Macht es für sie keinen Unterschied, ob man lebt oder tot ist? Ich vermag diesen Satz nicht zu deuten.
Ich weiß jedoch, dass es mir an Weisheit mangelt, in ähnlichem Gleichmut die Sache zu betrachten. Die Toten beklage ich auch nicht. Entweder gibt es ein ewiges Leben oder eine Wiedergeburt oder das Nichts. Da ich an eine Hölle nicht glauben kann und mag, scheinen mir alle drei anderen Varianten akzeptabel zu sein. Wenngleich ich das Paradies im Angesicht Gottes bevorzugen würde …
Die Lebenden jedoch sind oft genug zu beklagen. Mit allerlei Mühsal plagen sie sich auf Erden herum, stöhnen und ächzen unter der Last ihres Daseins. Das nämlich bringt automatisch Leiden mit sich, wie der Buddha einst erklärte: die Jugend weicht dem Alter, die Gesundheit wird von Krankheit bedroht, am Ende erwartet alle der Tod. Wer mit dieser nüchternen Analyse hadert, in dem brennt noch der Lebensdurst. Ihn zu überwinden, ist der Weg der Erleuchteten.
Fernöstliche Heilslehren und Philosophien setzen sich ebenso intensiv mit dem Tod auseinander wie die Religionen des Abendlandes. Nur auf anderen Wegen. Wir Europäer sind von christlicher Kultur geprägt, und doch muss jeder Einzelne den Tod in seine individuelle Wirklichkeit integrieren. Der Katechismus sagt das eine, mein Nachdenken etwas anderes; ich sammle Erfahrungen; meine Ansichten festigen und wandeln sich wieder. Meine Autorenkollegin Claudine meinte einmal verschmitzt, früher habe sie sich nicht vor dem Tod gefürchtet, aber heute hätte sie sich so ans Leben gewöhnt. – Nun, es macht wohl einen Unterschied, in welchem Lebensalter und unter welchen Umständen man über den Tod nachdenkt. Schaden kann es aber eigentlich nie, oder?
Der Tod ist – ganz wertneutral festgestellt – eine Tatsache. Ich bin überzeugt, es nutzt unserem Leben, sich diese Tatsache von Zeit zu Zeit bewusst zu machen. Das kann bei Kleinigkeiten anfangen. Für ein Kinderbuch hatte ich den Satz geschrieben: „Alle Menschen sterben.“ Ich gab das Manuskript meiner Freundin Christel zu lesen, einer pensionierten Grundschullehrerin. Sie glättete einige sprachliche Hürden, aber jenen zitierten Satz änderte sie gravierend in: „Alle Menschen müssen sterben.“
Was für ein Unterschied! Im „müssen“ steckt Druck, Zwang, Gewalt. Nein, es müssen nicht alle sterben, manche dürfen es auch und alle können es. Nur es zu lernen, fällt schwer. Man braucht wohl ein ganzes Leben lang dafür, und ob es dann in der Stunde X gelingt, wird sich erst zeigen.
In der Bretagne sah ich eine wunderbar pädagogische Methode, das Bewusstsein der Sterblichkeit zu fördern. In Kermaria-an-Isquit en Plouha befindet sich eine Kapelle aus dem 13. Jahrhundert. Dieses Gotteshaus ziert seit 500 Jahren ein seltener Wandschmuck, ein Totentanz. 47 Figuren jeden Alters und verschiedener sozialer Schichten gehen dort Hand in Hand: der Papst, der Kaiser, der Kardinal, der König, der Ritter, der Bürger, der Offizier, der Arme, der Musikant, der Bauer, der Mönch, das Kind und andere. Und jeweils dazwischen der Tod, ein abgezehrter Leichnam, schelmisch grinsend. „Nicht rückwärts, Erzbischof“, spricht er in einer Inschrift, „immer schön vorwärts gehen.“ Und den König neckt der Vortänzer: „Komm, nobler, gekrönter König, du, dessen Kraft und Mut deinen Ruhm sicherstellten. Umgeben von Adel und Pomp, enthüllst du doch deine Schwäche. In meiner Gegenwart bist du sehr allein. Was nützt dir dein Reichtum; auch der reichste Mann hat nur ein Leichentuch.“
Er nimmt jeden irgendwann mit, das beruhigt. Dennoch macht sein freches Grinsen diesen Tod unsympathisch. Aber vielleicht lächelt er uns ja einmal an? Vielleicht können wir uns mit ihm anfreunden? Aus tiefer Überzeugung brach es spontan aus einem alten Freund von mir heraus, als er die Nachricht vom Tod meiner Mutter erfuhr: „Ich gratuliere!“ Mein Erstaunen zerstreute er schnell: „Nicht Ihnen, Ihrer Mutter!“ Sie war hinübergegangen; sie hatte geschafft, was uns noch bevorsteht.
Im Jahr 2004 veranstalteten der Deutsche Sprachrat und das Goethe-Institut einen Wettbewerb, der das „schönste deutsche Wort“ suchte. 12.000 Einsendungen gingen ein, viele aus dem Ausland. Aufgrund der zahlreichen Mehrfachnennungen (etwa von Liebe, Heimat, Glück und Sehnsucht) gab es jedoch nur 4.000 verschiedene Wörter. Darunter befanden sich etwa „Purzelbaum“, „Geheimratsecken“, „behutsam“, „Rhabarbermarmelade“, „Wirrwarr“, „eigentlich“, „Fernweh“, und andere Wörter, die mal der Alltagssprache entstammten, mal extraordinär waren (wie „Solooboist“).
Die Jury bewertete neben dem Einfallsreichtum bei der Wortsuche auch die Überzeugungskraft der mit eingereichten Begründung für die jeweilige Wahl. Das Rennen machte das Wort: „Habseligkeiten“. Die Siegerin, eine Sekretärin an einer süddeutschen Universität, entfaltete sehr schön, wie dieses Wort das irdische Haben und die himmlische Seligkeit vereine. In einem Parallelwettbewerb „Das schönste Wort der Kinder“ gewann ein Neunjähriger. Sein Favorit „Libelle“. Die drei „l“ ließen das Wort so schön auf der Zunge flutschen, und es sei so freundlich.
Ein hübsches Spiel, wie ich meine. Es veranlasste mich darüber nachzusinnen, was mein schönstes Wort sei. Der Name meiner Liebsten? Mir kam schnell ein Wort in den Sinn, das ich gern und oft gebrauche, obgleich ich bemüht bin, es nur angemessen zu verwenden: das Prädikat „gut“. Eine Silbe nur, kurz und knapp, kann es Wohlgefallen und Zufriedenheit ausdrücken. „Gut“, das passt auf die Frage, wie das Wetter sei oder das Essen schmecke oder wie es mir ergehe. Das Wort finde ich schön, weil das kleine g so eine Art Halteschlaufe wie in der Straßenbahn bietet. Ein handgeschriebenes u ähnelt einem lächelnden Mund. Und das abschließende t hat etwas vom Kreuz in sich und erinnert an das Ende alles Guten.
Und daran, dass am Ende alles gut wird. Das ist meine Sehnsucht: Alles wird gut.
Erschöpft bin ich, so müde
manchmal lebensmüde
manchmal leer und ausgebrannt
will ruhen, will nur noch schlafen
nichts hören, nichts sehen
nur fühlen: eine warme Decke,
eine streichelnde Hand
die ohne Worte sagt:
Alles wird gut
Versöhnung mit der Sterblichkeit – das ist wahrscheinlich nur für wenige Erlöste ein Dauerzustand. Unsereiner muss sich mit Momenten begnügen, in denen er diese Versöhnung schmeckt. Ich sitze im Garten, atme ruhig, und kann sagen: „Ja, es ist schön auf der Welt zu sein. Ich habe vom Nektar des Lebens gekostet. Ich genieße jeden Tag. Aber es wird nicht besser, wenn es länger ist. Und deswegen kann ich das Leben auch wieder loslassen.“
Ob ich in jener Stunde, deren Datum ich nicht kenne, fähig dazu bin, weiß ich nicht. Möglicherweise packt mich Panik, würgt mich Angst; vielleicht bin ich dement oder ohne Bewusstsein. Möglicherweise habe ich alles vergessen, was ich nun versuche zu erlernen. Doch setzte ich mich jetzt nicht damit auseinander, dann sänken meine Chancen, am Ende gelassen zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, im Falle eines Brandes das Richtige zu tun ist für den größer, der an der Feuerwehrübung teilnimmt, als für den, der nie für den Ernstfall trainiert.
Eine Lebenshaltung, die den Tod nicht ausblendet, hilft mir schon hier und heute, meine Existenz besser zu gestalten. Ich feiere jetzt schon dann und wann Auferstehung, wenn ich mich aus den Fesseln eines trüben Dahinvegetierens befreien kann. Das Leben ist zu schade für Nachbarschaftsstreit, für schlechte Bücher und oberflächliche Beziehungen. Ich nehme mein Leben ernst, gerade weil es begrenzt ist. „Carpe diem“ und „Memento mori“ sind Geschwister.
Als meine Mutter starb, fand sie ihre irdische Ruhe im Grab ihres Mannes. Sie erhielten einen gemeinsamen Grabstein. Den alten meines Vaters wollte meine Schwester „entsorgen“. Da ich dagegen protestierte, musste ich das Ding mitnehmen. Die schlichte Platte ziert seither mein Büro, was manchen ungläubigen Blick von Besuchern provoziert hat. Ich werde das Teil zum Steinmetz bringen und den Vornamen Franz durch meinen ersetzen lassen. Ein Mahnmal, im freundlichen Sinne.
Ich lebe gern. Aber ich spüre immer wieder, dass ich hier auf Erden nicht zu Hause bin. Und deswegen möchte ich, wenn mein Bruder Tod anklopft, einfach sagen können: „Komm rein, die Tür ist nur angelehnt. Ich habe dich erwartet.“
Das dickste Buch hat eine letzte Seite.
Im Kino reißt das Licht dich aus dem Traum.
Mal hast du Geld, am Ende bist du pleite.
Ein braunes Blatt fällt lautlos ab vom Baum.
Der Apfel schrumpelt und die Milch wird sauer.
Das Reich der Römer blühte und zerfiel.
Auch Falten kriegst du bald, das Haar wird grauer.
Mit letzter Kraft kommt mancher doch zum Ziel.
Du bist schon satt, und sei es noch so lecker.
Mein Freund geht weg und ich weiß keinen Grund.
Das Bett ist warm; um sechs Uhr piepst der Wecker.
Nicht flach ist diese Erde, sondern rund.
Der beste Wein: die Flasche will ich leeren.
Ein Flackern noch, dann ist die Kerze aus.
Die Rose welkt, sie kann sich gar nicht wehren.
Gern unterwegs, doch nun will ich nach Haus.
So ist die Welt, was soll das Lamentieren?
Ein Feuerwerk, und irgendwann ist Schluss.
Bis dahin will ich jeden Tag probieren,
was Leben heißt. – Gib mir noch einen Kuss!
Aus: Kebab, Krach und Kommunion.
Matthias-Grünewald-Verlag 2004
Voller Bauch springt nicht gern
„Hey, ihr zwei da! Sofort runter vom Fünfer!“ Die schneidende Stimme des Bademeisters gellte durch die Schwimmhalle.
Philipp und Hendrik fuhren erschrocken zusammen. Nun blickten viele Augenpaare zu ihnen herauf.
„Jetzt hat er’s doch gemerkt“, zischte Philipp seinem Freund zu. „Was machen wir jetzt?“
„Na, springen, du Feigling!“, rief Hendrik, und machte einen prächtigen Kopfsprung. Wie ein Delfin tauchte er glatt ins Wasser ein. Nun konnte Philipp nicht mehr kneifen. Er hielt sich mit der rechten Hand die Nase zu und trat einen Schritt vor. Es wurde mehr ein Fallen statt ein Springen: Mit Karacho klatschte er mit dem Bauch ins Wasser, tauchte etwa zwei Meter unter und kam strampelnd und nach Luft ringend an die Oberfläche. Er schwamm zum Beckenrand und hielt sich daran fest. Einen Augenblick später tauchte Hendrik neben ihm auf. „Mensch, hat das aber gespritzt!“, meinte er. „Du bist reingeknallt wie ein Sack Kartoffeln!“
Der Bademeister marschierte auf die beiden zu. Er baute sich über den Jungen auf, die Hände in die Seiten gestemmt, und schimpfte: „Früchtchen, ihr! Das will ich nicht nochmal sehen! Wenn die Sperre vor der Treppe ist, heißt das: ‚Geschlossen’! Da habt ihr auf dem Sprungbrett nichts verloren! Ist das klar?“
Philipp und Hendrik mussten die Köpfe in den Nacken legen, um dem Mann ins Gesicht sehen zu können. Stumm hörten sie mit roten Wangen zu.
Er wiederholte seine Frage scharf: „Ist das klar? Sonst bekommt ihr Ärger mit mir! Aber hallo!“
„Klar“, sagte Hendrik leise, und Philipp stimmte kopfnickend zu: „Klar.“ Den Jungen klopfte das Herz, ihnen war mulmig. Einige Badegäste sahen zu ihnen her; manche grinsten; eine alte Frau schüttelte missbilligend den Kopf.
„Na wartet!“, drohte der Bademeister noch einmal mit grimmiger Miene und ging wieder an seinen Platz. Schon einen Augenblick später hatten die Leute das Interesse an den beiden Springern verloren. Nur ein Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen, das ihnen gegenüber am Beckenrand saß, ließ ihren Blick nicht von den beiden, auch nicht, als der Betrieb im Hallenbad weiterging wie zuvor. Einige Erwachsene schwammen ihre Bahnen, die Kinder tobten im vorderen Bereich, und sprangen – was auch verboten war – vom Rand aus ins Becken.
„Hast du gesehen, was der für Haare an den Beinen gehabt hat?“, fragte Hendrik. „Ein Fell wie ein Gorilla!“ Er wies auf zwei Mädchen, die kreischend Hand in Hand ins Wasser hüpften. „Mit denen schimpft er nicht, der Gorilla!“, bemerkte er, schnitt dem Mädchen mit den Zöpfen, das die beiden unentwegt ansah, eine Grimasse und rief frech: „Schiel uns nicht so doof an!“
Das Mädchen stand auf und ging weg.
„Hat die geschielt?“, fragte Philipp. Der Bauch tat ihm weh, und er rieb sich mit der Hand in kreisenden Bewegungen darüber.
„Na ja, das war ’ne Chinesin mit Schlitzaugen.“ Hendrik schwieg einen Augenblick und fügte dann hinzu: „Toll war’s doch, oder?“ Philipp murmelte zustimmend, aber ihm war ein wenig übel.
Sie brauchten beide noch etwas Zeit zum Verschnaufen, doch kurz darauf fanden sie es beide nur noch irre mutig, trotz des Verbotsschilds auf den Fünf-Meter-Sprungturm gestiegen zu sein. Überhaupt, warum war das nicht erlaubt? Es war doch gar nicht so viel Betrieb im Hallenbad, an diesem letzten Sonntag der Herbstferien.
„Hunger?“ Hendrik sah seinen Freund aufmunternd an.
Philipp wiegte den Kopf. In seinem Bauch war irgendwas nicht in Ordnung, aber die Einladung zu einem Hamburger wollte er sich trotzdem nicht entgehen lassen. Am Spind holten sie sich rasch ein Handtuch und rubbelten sich trocken. Hendrik nahm das Geld, das seine Mutter ihm für einen Imbiss spendiert hatte.
Im Bistro des Schwimmbads gab es kleine Mahlzeiten zu kaufen, auch Süßigkeiten, Eis und Getränke. Die beiden bestellten sich je einen Hamburger und teilten sich eine Flasche Cola. Hendrik aß mit Appetit, aber Philipp war gar nicht gut. Trotzdem verdrückte er das Brötchen bis zum letzten Bissen.
Anschließend liefen sie wieder zum Schwimmerbecken. Nun sprangen sie nur noch von den Startblöcken. Das fanden sie zwar langweilig, aber wenigstens war es erlaubt. Als er zum zweiten Mal gesprungen war und wieder auftauchte, musste Philipp sich am Beckenrand festhalten. Seine Ohren waren wie verstopft, vor seinen Augen begann sich alles zu drehen, und ein hoher, sausender Ton in seinem Kopf kündigte wie eine Sirene das Unheil an. Er hatte keine Chance sich gegen den Druck zu wehren, der übermächtig aus seinem Magen nach oben stieg. Die Augen geschlossen, erbrach er ruckartig in mehreren Stößen das Gemisch aus Hamburger und Cola auf die weißen und hellblauen Fliesen am Beckenrand. Ein säuerlicher Geruch verbreitete sich.
„Uuuuuuuh“, machte Hendrik.
Als der Bademeister grollend vor ihm stand und zeterte, hörte Philipp gar nicht auf seine Worte. Tränen quollen ihm aus den Augen; ihm war so schlecht. Was da passierte, war ihm einfach nur noch peinlich. Er wollte sich setzen, denn seine Beine waren wie Pudding. Hendrik half ihm aus dem Wasser und brachte ihn zu einer Ruhebank am Fenster. Die Leute, die in der Nähe herumstanden, gafften. Einige von ihnen waren fluchtartig aus dem Becken gestiegen, weil sie sich ekelten.
„Kann ja mal passieren“, fauchte Hendrik sie an und stellte sich schützend vor seinen Freund. Der Bademeister und ein Kollege kümmerten sich um die Reinigung des Wassers und putzten das Erbrochene weg.
„Raus mit euch, aber dalli!“ Der Bademeister nickte mit dem Kopf zum Ausgang hin.
„Wir gehen ja schon!“ Hendrik stützte Philipp, der noch ganz benommen war und einen fürchterlichen Geschmack im Mund hatte. Am Ende des Schwimmerbeckens, kurz vor dem Ausgang, stand wieder das Mädchen mit den schwarzen Zöpfen, das die beiden vorhin schon beobachtet hatte.
„Na, haste wieder was zum Schielen?“, blaffte Hendrik sie mürrisch an.
„Lass sie doch“, sagte Philipp mit schwacher Stimme. Aber als sie neben dem Mädchen waren, gab Hendrik ihr plötzlich einen kräftigen Stoß, und sie fiel rücklings ins Wasser.
Die beiden Jungen machten sich flott aus dem Staub.
Auf dem Heimweg froren sie ein wenig, weil sie sich die Haare nicht gefönt hatten. Ihre Haut juckte vom Chlor, und beide plagte Durst.
„Und morgen geht die Schule wieder los“, seufzte Hendrik. „Hast du eigentlich die Matheaufgaben gemacht?“
Philipp durchfuhr ein Schreck. Für diese Matheaufgaben hatten die Schüler zwei Wochen Zeit gehabt, die ganzen Herbstferien lang. Doch Philipp hatte sie jeden Tag vor sich her geschoben. Nun würde er sich am letzten Abend noch daran machen müssen. „So ein Mist!“, rief er. „Jetzt ist der Abend also auch noch gelaufen.“
„Kommst du morgen Nachmittag zum Fußball?“, fragte Hendrik und kickte eine leere Milchpackung vom Gehweg.
„Kann nicht. Da fängt der Kommunionkurs an.“
„Was ist das denn?“
Philipp hob die Schultern. „Ich habe auch noch keine Ahnung. Irgendwas mit Kirche.“
„Kirche?“, wiederholte Hendrik und hob dabei die Stimme. „Bestimmt total langweilig.“
„Mal sehen.“
Sie waren an der Kreuzung beim Mega-Markt angekommen, wo es links zu den Hochhäusern ging. Hendrik trennte sich hier von seinem Freund, und Philipp ging weiter geradeaus, bis er in seiner Reihenhaussiedlung angekommen war. Er klingelte an der Haustür. Sein Bruder Sven öffnete die Tür und lotste ihn gleich in die Küche. Da saß auch Svens Freund Mustafa. Die zwei hatten sich in der Autowerkstatt kennen gelernt, wo sie beide eine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechaniker machten.
„Merhaba“, begrüßte Mustafa Philipp, denn er war Türke. „Wir haben Hamburger gemacht, willst du einen?“
Philipp schüttelte den Kopf. „Bloß nicht. Ich habe eben einen gegessen, im Schwimmbad, und dann ins Becken gekotzt!“
„Voll krass!“, lachten Sven und Mustafa laut. „Danach haben die bestimmt das ganze Wasser auswechseln müssen! Stell dir vor, du müsstest in gekotzten Hamburgern rumschwimmen!“ Da musste auch Philipp lachen, obwohl ihn der Bauch noch schmerzte. „Hab ich einen Durst! – Wo sind Mama und Papa?“
Sven machte mit der Hand eine wegwerfende Bewegung. „Frag lieber nicht“, sagte er und quälte sich ein Grinsen ab: „Die sind im Schlafzimmer und streiten.“
Philipp ächzte: „Och, Mann, so ein Mist! Nicht schon wieder!“ Er riss wütend die Tageszeitung vom Küchentisch, schmiss sie in die Ecke, dass sie auseinanderflog, und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Mustafa goss ihm ein Glas Zitronentee ein. „Hier, trink erst mal was.“
zurück nach oben
Aus: Jeder muss mal dran glauben.
Gütersloher Verlagshaus 2004
Ich glaube nicht, ...
... dass ein Jugendlicher wie Du „Hurra!“ schreit, wenn ihm seine Eltern, der Pfarrer oder die Patentante ein kleines Buch über das Glaubensbekenntnis schenken. Ich glaube jedoch, dass es gar nicht so verkehrt ist, sich mit diesem alten Text auseinander zu setzen.
Und da fangen die Probleme bereits an. Müsste ich nicht passender formulieren: „ich nehme an“ oder „ich bin überzeugt“, statt „ich glaube“? Ist „glauben“ das gleiche wie „für wahrscheinlich halten?“ Kann man genauso glauben, dass es morgen regnet, wie man an Gott glaubt?
Der Glaube an Gott ist eine Sache, die tief im Menschen verwurzelt ist. Präzise zu erklären, warum ich glaube – das ist so unmöglich, wie die Frage zu beantworten, warum ich einen Menschen liebe. Glauben ist wie Vertrauen: es kann nicht erzwungen werden, nicht gekauft oder getauscht – nur geschenkt. Wenn aber Glauben so etwas Persönliches, ja: Intimes ist – wie kann man dann den Glauben in eine Formel pressen? Glaubt nicht sowieso jeder, was er will?
Wahrscheinlich ist das so. Und gerade deswegen ist es notwendig, zusammenzufassen, was alle vereint: Das Glaubensbekenntnis steckt ein Feld ab. Es bringt einige wichtige Dinge unseres Glaubens auf den Punkt. Und alle Formulierungen lassen auch Interpretationen zu. Aber darf man überhaupt so einen heiligen Text hinterfragen?
Man darf nicht nur, man muss – meine ich. Man nennt das Glaubensbekenntnis nach seinem Anfang auch das „Credo“; das ist lateinisch und bedeutet: „Ich glaube“. Eine erste Version des Credo entstand bereits im 2. Jahrhundert in Rom. Gläubige, die sich taufen lassen wollten, bekannten damit ihren Glauben an Gott den Vater, an Jesus und an den Heiligen Geist.
Doch damals war die Kirche noch jung. Die ersten Generationen der Christen entwickelten erst allmählich, in langen Diskussionen (und auch Streitereien), woran sie eigentlich glaubten: Was sollte von der jüdischen Religion bewahrt werden? Welche Vorstellungen durften aus der griechischen und römischen Welt einfließen? Wogegen musste man sich abgrenzen?
Verschiedene christliche Glaubensbekenntnisse waren im Umlauf. Das römische setzte sich schließlich durch; das Gütesiegel „apostolisch“ zeichnete es als herausragend aus, auch wenn es sicher nicht von den Aposteln selbst formuliert wurde. Vom 8. Jahrhundert an wurde das Credo mit dem Christentum über ganz Europa verbreitet und anerkannt.
Seither wurde das Glaubensbekenntnis unzählige Male beim Gottesdienst gesprochen. Vor 1000 Jahren im Mittelalter, während der Reformationszeit von Martin Luther, vor 100 Jahren von deinen Urgroßeltern – bei deiner Taufe von deinen Eltern und Paten. Zur Konfirmation oder Firmung hast du es selbst bekannt.
Aber wie konnten und können im Lauf der Jahrhunderte all die vielen Christen mit den gleichen Worten einen Glauben ausdrücken, der sich doch ständig verändert? Das eben ist das Besondere an diesen Worten: sie werden nicht alt, weil der Glaube jung bleibt. Tastet man das Credo aus Ehrfurcht nicht an, wird es schnell nichtssagend und staubig wie ein Denkmal vergangener Herrlichkeit. Behandelt man das Credo wie ein Gesetz, schreckt es ab.
Zur Zeit gibt es weit über eine Milliarde Christen auf der Erde. Ich kann nicht für den Glauben jedes Einzelnen sprechen. Ich kann nur über meinem Glauben reden. Deswegen meditiere ich das Credo durch, Zeile für Zeile, und erzähle von „dem Gott, an den ich glaube“. Ich bin überzeugt: Mit diesem Glauben kann ich mich – allen Zweifeln und allen kritischen Anmerkungen zum Trotz – in die Gemeinschaft der Kirche einreihen.
Die Kirche braucht das Credo als Fundament. Wir als Glieder der Kirche brauchen es, um uns daran immer wieder neu auszurichten. Einen Text, der es fast 2000 Jahre lang geschafft hat, unterschiedliche Menschen im Glauben zusammenzuhalten, sollten wir nicht voreilig in die Tonne schmeißen, nur weil vielleicht nicht jedes Wort auf Anhieb klar erscheint.
Solange wir das Credo befragen, bleibt es lebendig. Unsere Fragen signalisieren Interesse. Erst wenn die Fragen aufhören, kommt die Gleichgültigkeit. Das alte Credo lässt genügend Spielraum für deinen ganz eigenen Glauben: nutze ihn!
zurück nach oben
Aus: Horizont Wien.
Stürtz Verlag 2004
Wien ist ein Phänomen und ein Geheimnis. Es zu ergründen, scheint nicht einfach, denn die Stadt vereint viele Widersprüche. Doch Wien ist über Jahrhunderte darin erprobt, Gegensätze zu versöhnen. So entstand ein Milieu, in dem eine unvergleichliche kulturelle Vielfalt gedeihen konnte.
Was New York für die Neue Welt bedeutete, war Wien für die alte: ein Schmelztiegel, der germanische, slawische und mediterrane Einflüsse mischte. Einst Hauptstadt eines Reiches, das um 1730 von Flandern bis zur Walachei, von Schlesien bis Sizilien reichte, war Wien nach dessen Ende 1918 nur mehr große Metropole einer kleinen Republik. Auf den 415 Quadratkilometern der Stadtfläche, in 23 Bezirke eingeteilt, leben Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Zu den rund 1,6 Millionen Einwohnern kommen jährlich noch 2,5 Millionen Touristen.
Auf ihr kulturelles Erbe sind die Wiener zu Recht stolz. Und doch, so behauptet zumindest ein Reiseführer aus dem Jahr 1962, hindere Munterkeit und Umgänglichkeit „den Wiener keineswegs, ein Querulant par excellence zu sein. Er ist unzufrieden mit sich, seiner Umgebung, dem Wetter, der Regierung, der Straßenbahn und den Fügungen des Schicksals im allgemeinen, und kann über alles und jeden ‚raunzen’ (nörgeln). Doch wehe dem Fremden, der seiner Kritik an Wien und allem, was dazugehört, beipflichtet: Das kann kein Wiener ertragen.“
Wien bietet jedem etwas, sogar seinen Kritikern. Ja, auch sich an Wien sarkastisch abzuarbeiten, hat, wie so vieles hier, Tradition. Über die Sprache, beispielsweise. Natürlich vernimmt man in einer Metropole wie Wien eine gleichsam babylonische Vielzahl von Sprachen. Trotzdem verfällt auch der Ausländer und Zugereiste irgendwann in den warmen, weichen, die Vokale dehnenden Wiener Dialekt, wie man ihn beispielhaft von Paul Hörbiger oder Peter Alexander im Ohr hat.
Doch schon stehen die Nörgler parat. Der Schweizer Schriftsteller Jürg Amann meinte einmal (und ebenso taten es namhafte Kollegen), an Wien seien die Wiener so schwer auszuhalten: „Und diese verquere Sprache, die sich für Deutsch hält und in den Zeitungen auch schriftlich breit macht. Man muss höllisch aufpassen, dass man ihr nicht verfällt. Dem exotischen Reiz des Falschen.“ In Wien aber mag dieses Falsche goldrichtig sein, denn das Wienerisch gehört ebenso zu diesem Gesamtkunstwerk wie alles andere, was Wien einzigartig macht. Wien verfügt über viele Gesichter, lachende wie weinende, geschminkte und verschlafene, und manchmal trägt dieses Gesicht auch eine Maske.
Wie vielfältig ist schon die Architektur! Die Hofburg, Schönbrunn und das Belvedere entfalten barocke Pracht, manche Hotels oder Kaufhäuser wirken wie Palais; Stadtbahnstation und Postsparkasse sind Sehenswürdigkeiten im Secessionsstil. Zu den außergewöhnlichen Bauwerken zählen das Hundertwasser- und das Arik-Brauer-Haus ebenso wie der Karl-Marx-Hof und andere kommunale Wohnanlagen, welche die Gemeinde Wien in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im expressionistischen Stil erbauen ließ. Donauturm und UNO-City setzen moderne städtebauliche Akzente. Und wenn sich in der Glasfassade von Hans Holleins postmodernem Haas-Haus am Stephansplatz die Gotik des Doms widerspiegelt, schließt sich der Kreis.
Selbst von unten ist Wien sehenswert: Interessierte können auf den Spuren des „Dritten Mannes“ das Kanalnetz der Metropole durchwandern, denn an diesem schaurigen Ort wurden 1948 spannende Szenen des Film-Klassikers nach dem Roman von Graham Greene gedreht. Man solle sich nie in der Fußball-Halbzeitpause eines wichtigen, im Fernsehen übertragenen Spiels dort unten aufhalten, lautet die Warnung der Kanalisationsführerin.
Immerhin die Hälfte des Stadtgebiets entfällt auf Wälder und verschiedene Parks; der größte davon – durch sein Riesenrad weltbekannt – ist der Prater. Und auch die Umgebung macht das Wienerisch-Gegensätzliche an Wien aus: Der Wienerwald, die „grüne Lunge“ der Stadt, dieser letzte, östliche Ausläufer der Alpen, in dessen sanfte Hänge sie im Westen eingebettet ist, als legte sie den Kopf in seinen Schoß, und im Osten die weite Ebene des Marchfelds, das schon die Puszta ahnen lässt.
Wien ist zu komplex, als dass einem alles gefallen könnte. Manches fasziniert, anderes rührt an, einige Eigenarten mögen gar abstoßen. Und doch ist Wien wie ein Traum – besonders die Wiener selbst würden wohl ergänzen: ein Alptraum. Wien will entdeckt, ja erobert werden. Wer sich in das Abenteuer Wien stürzt, dem bleibt nur der Rat eines Philosophen, der pragmatisch feststellte: „Diese Gurke ist bitter. Nun, so wirf sie weg. Hier sind Dornengesträuche am Weg. Weiche ihnen aus. Das ist alles. Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge auf der Welt.“ – Man könnte den Eindruck gewinnen, die Wiener hätten sich diese Haltung zu eigen gemacht. Schließlich stammt sie von Mark Aurel, dem römischen Kaiser, der auf besondere Weise mit Wien verbunden war: er starb dort. Das war im Jahr 180 n. Chr.
Rund 200 Jahre zuvor besetzen die Römer das keltische Noricum, etwa das heutige Österreich, und errichten in der Siedlung Vindobona – die aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert stammt – ein Legionslager. Die Donau bildet hier die Nordgrenze des Römischen Reiches. Dessen Spuren sind in der Altstadt Wiens noch zu besichtigen, und nicht zuletzt den Römern ist es zu verdanken, dass um 280 im Donaugebiet der Weinbau eingeführt worden ist.
Nach dem Zusammenbruch der Römerherrschaft tummeln und streiten sich Hunnen, Goten, Bayern, Magyaren in der Gegend. Unter Markgraf Leopold III. erwerben die ab 976 in Österreich herrschenden Babenberger Wien. 1221 erhält Wien das Stadtrecht und wird 1237 Reichsstadt, fällt aber wenig später an den böhmischen König Ottokar II., der in seinen letzten Regierungsjahren mit dem Bau der Hofburg beginnt. 1276 fällt Ottokar in der Schlacht auf dem Marchfeld gegen König Rudolf I. von Habsburg. Die bis 1918 währende Macht der Habsburger nimmt ihren Anfang in diesem Sieg. Von 1452 bis 1806 tragen sie die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. In der Gotik erlebt die Stadt eine Blütezeit, unterbrochen 1349 durch die Pest. 1304 wird mit dem Um- und Neubau des Stephansdoms begonnen, 1365 die Universität gegründet. Ab 1485 residiert fünf Jahre lang der ungarische König Matthias Corvinus in Wien. Kaiser Maximilian I. (1459-1519) vertreibt die Ungarn aus Österreich.
1529 und 1683 wird Wien von den Türken belagert. Historiker haben diese Ereignisse stets als Schicksalsstunden Europas interpretiert: Würde der Islam siegen oder das Christentum? Wien wurde zum Bollwerk Europas – und hielt stand, unter enormen Opfern, die seine Bewohner aufbringen mussten. Die Türken zogen wieder ab und hinterließen, so erzählt die Legende, ein paar Säcke Kaffee, die eine neue Trinkkultur in der Stadt begründen sollten.
Der Türkenbezwinger Prinz Eugen von Savoyen macht das habsburgische Reich zur Großmacht. Nach der 2. Türkenbelagerung 1683 unter dem Kommando von Großwesir Kara Mustafa entstehen die prunkvollen Barockbauten, die das Stadtbild bis heute prägen: das Belvedere, die Karlskirche, Schönbrunn.
Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen, die sich ab 1745 „römische Kaiserin“ nennt, folgt 1740 dank der Pragmatischen Sanktion, die die Erbfolge der Frauen zulässt, ihrem Vater Karl VI. auf den Thron. Sie wird Mutter von sechzehn Kindern, von denen sechs das Erwachsenenalter nicht erreichen. Nach dem Tod ihres Gatten Franz Stephan von Lothringen 1765 trägt sie für den Rest ihres Lebens Trauerkleidung. Sie schafft die Folter ab und führt die allgemeine Schulpflicht ein.
Ihr Sohn Kaiser Joseph II. setzt ein umfassendes Reformprogramm durch: er hebt die Leibeigenschaft auf, führt Steuern für Adel und Klerus ein, erlaubt Protestanten, Orthodoxen und Juden die Religionsausübung, reformiert Beamtentum, Gesundheitswesen, Gottesdienste und Beerdigungen, eröffnet 1784 das Wiener Allgemeine Krankenhaus und verleiht im selben Jahr den Winzern ein bis heute gültiges Privileg: sie dürfen an 300 Tagen im Jahr selbst angebauten Wein ausschenken. So ist ihm der „Heurige“ zu verdanken. Die Musik erreicht mit Gluck, Haydn und Mozart zur Zeit der Aufklärung einen ersten Höhepunkt.
Zweimal, 1804 und 1809, besetzt Napoleon Wien. Nachdem er besiegt ist, tagt unter der Leitung des Fürsten von Metternich in Wien 1814/15 der Wiener K